Ich wuchs in einem Heim auf, in dem nicht gebetet wurde. Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, fing ich an, abends für mich alleine zu beten.
Da ich es nicht anders wusste, betete ich regelmäßig das Vaterunser, das ich im Religionsunterricht gelernt hatte. Nach einiger Zeit fügte ich ein Stück aus einem anderen Gebet hinzu, das ich auswendig konnte.
Warum ich überhaupt angefangen hatte zu beten weiß ich nicht mehr
Schließlich dachte ich mir, ich könne doch auch einfach meine eigenen Gedanken im Gebet ausdrücken. Das tat ich eine Zeit lang. Ich schrieb in meinen Bettkasten: Gott ist lieb, Jesus ist lieb. Dadurch brachte ich auf meine kindliche Weise zum Ausdruck, wie ich ihnen gegenüber empfand. Warum ich überhaupt angefangen hatte zu beten und wieso ich plötzlich damit aufhörte, weiß ich nicht mehr, aber heute sehe ich darin das Ziehen des Vaters zum Sohn, wie es in der Bibel steht.
Mit 18 Jahren lernte ich durch einen Klassenkameraden gläubige Menschen kennen. Die Gespräche und die Gottesdienste bewirkten, dass ich mich eines Abends vor meinem Bett hinkniete und wieder anfing, zu Gott zu beten.
Als Gott einige Monate später in mir wirkte, dass ich nicht nach meinen Vorstellungen und Wünschen, sondern nach Gottes Willen leben sollte, habe ich mit Gott gerungen. Ich empfand mich so unendlich schwach und doch wollte ich in ein rechtes Verhältnis zu Gott kommen. Ich fühlte mich hin- und hergerissen und von Gott auf die Wahl gestellt. In diesem Zustand machte ich mit Gott ein Abkommen. Ich sagte ihm, wenn etwas Bestimmtes geschähe, würde ich die Lüste aufgeben. Gott erfüllte meine Bedingungen auf eine Weise, die für mich ein Wunder war – ein Wunder der Liebe Gottes zu mir persönlich.
Wenn der Beweggrund für mein Gebet rein ist, dann weiß ich, dass Gott meine Worte hört
Im Laufe der Zeit habe ich durch die Verkündigung in der Gemeinde, durch Gottes Wort und durch viele Erlebnisse einen starken, unerschütterlichen Glauben an meine Gebete bekommen. Wenn der Beweggrund für mein Gebet rein ist – rein von Selbstsucht –, dann weiß und spüre ich, dass Gott meine Worte hört. Wenn er mich aber hört, steht in 1. Johannes 5, 14-15, weiß ich auch, dass ich von ihm erhalte, was ich von ihm erbeten habe.
Mein guter Vater sollte auf eine so grausame Weise sterben!
Eines der stärksten Erlebnisse, die ich hatte, war Folgendes:
Mein Vater war Asthmatiker und bekam in seinem Alter Lungenkrebs. Eines Abends rief meine Mutter an, die meinen Vater mit großer Hingabe zu Hause pflegte, und erzählte mir, der Arzt habe gesagt, mein Vater würde langsam ersticken. Das erschütterte mich. Mein guter Vater sollte auf eine so grausame Weise sterben! Ich betete, ja flehte zu Gott. Das Wort „gnädig und barmherzig ist der Herr“ aus Psalm 103, Vers 8, das mir im Gebet in den Sinn kam, konnte meine Not nicht wegnehmen. Erst als der Gedanke „Ein rechter Freund wird in der Not erkannt“ in mein Herz kam, verwandelte sich mein Notgebet in Danksagung. Es war so für mich, als wenn Jesus diese Worte direkt in mein Herz redete. Er war ja mein rechter Freund.
Als ich am folgenden Tag zu meinen Eltern fuhr, half ich meiner Mutter bei der Pflege. Seit einigen Wochen musste meinem Vater nachts etwa alle zwei Stunden das Sauerstoffgerät gereicht werden. Diese Nacht verbrachte ich neben meinem Vater. Sie verlief ganz ruhig. Ich konnte die tiefen Atemzüge meines Vaters neben mir hören. Am Morgen schaute meine Mutter ins Schlafzimmer. Weil sie meinen Vater schlafen sah, ging sie wieder hinaus. Wenige Augenblicke später tat mein Vater seinen letzen Atemzug. Ganz friedlich war er in die Ewigkeit gegangen – gnädig und barmherzig, wie das Wort es gesagt hatte. Ich hatte meinen rechten Freund in der Not erlebt.
Es ist schwer, ohne Gott in dieser Welt zu leben. Welch ein Trost und welch unbegrenzte Hilfe dagegen, zu Gott beten zu können!